21.11.2012 (Kommentare: 0)

Lernen ohne Zwang: Über das Experiment einer "Schülerschule"

All die ganzen Schulreformen scheinen an einem Kernproblem nichts zu ändern: Bei einem großen Teil der Schülerinnen und Schüler wird keine intrinsische Motivation, keine Lust auf Lernen geweckt. Dieses Buch erzählt von einem Experiment, dem genau dies gelingt. 

 
2007 sind zehn Waldorf-Schüler mit ihrem Oberstufen-Unterricht derart unzufrieden, dass sie mit Unterstützung von einigen Lehrern und Schülern ihre eigene Mini-Schule gründen. "methodos", so der Name, soll eine Schule sein, in der die Schülerinnen und Schüler das Sagen haben, komplett in Eigenregie organisiert. Das Experiment gelingt: Seit dem erfolgreichen Abschluss der ersten Gruppe haben sich mehrere Jahrgänge bei "methodos" auf ihr Abitur vorbereitet, das sie in Baden-Württemberg (und anderen Bundesländern) als Schulexterne an regulären Gymnasien ablegen können. 
 
Die 21jährige Autorin, Alia Ciobanu, gehört selbst zu den Absolventinnen. Aus dieser Innenperspektive und gestützt durch zahlreiche Interviews mit Mitschülern und früheren Absolventen, mit Lehrern und Projektbegleitern, legt sie mit diesem Buch eine beeindruckend differenzierte Reflexion des "methodos"-Ansatzes vor. Wenn eine solche Reflexionsfähigkeit Ergebnis der "methodos" Schulung ist, spricht schon alleine das für das Konzept. So benennt sie die diversen Schwachpunkte des "methodos"-Konzepts ebenso wie sie die Schülerrolle bei ihrer Kritik am herrschenden Schulsystem nicht ausspart. Eine Kostprobe: „An der destruktiven Unterrichtssituation sind Schüler maßgeblich beteiligt. Sie selbst lehnen jedoch häufig jede Verantwortung ab und fallen dadurch in eine Rolle, in der sie nur noch passiv konsumieren. Wenn der Lehrer 'es nicht bringt', die Klasse 'nicht im Griff hat', wird ihm das durch destruktives Stören des Unterrichts rückgemeldet”.
 
Bei "methodos" erübrigen sich diese Schuldzuweisungen, da die beteiligten Schüler volle Verantwortung übernehmen: Für den Verein, der das Ganze trägt, für die Finanzen, für die Öffentlichkeitsarbeit, für die Einstellung und Entlassung von Lehrern, für das Experimentieren mit neuen Lern- und Lehrformen, für das soziale Miteinander ... und zuletzt auch noch für ihr eigenes Lernen. Das führt dazu, dass der „eigentliche Abiturstoff nur einen Bruchteil des Erlernten” ausmacht. „Die Schüler fangen an und bei sich selbst an zu arbeiten, und nicht an den Lehrern.”
 
Projekt und Buch sind eine Bereicherung für die Bildungsdebatte. "methodos" rückt wie ein Spiegel das im Schulsystem institutionalisierte Machtgefälle zwischen Schülern und Lehrern in den Blick. „In der Schule haben die Schüler immer den Eindruck, sie kommen zum Lehrer und müssen etwas tun, was er will.” Bei "methodos" kommen die Lehrer zu den Schülern. Ein Perspektivenwechsel, der auch von den beteiligten Lehrern als großer Gewinn gesehen wird, denn nun wollen die Schüler von ihnen wirklich etwas wissen und lernen.
 
Von "methodos" inspiriert ist schon eine zweite Initiative entstanden: "Abiplus". Beteiligte Lehrer überlegen, ob sie nicht so etwas wie eine "Mini-Universität" gründen, die die Erfahrungen auf das Studium überträgt. Das Buch von Alia Ciobanu ermutigt dazu, Bildung selbstorganisiert in die eigene Hand zu nehmen. Auch wenn es kleinere Schwächen wie manche Dopplungen hat, ist es für alle am Bildungssystem Beteiligten empfehlenswert: Schüler und Eltern, Lehrer und ihre Ausbilder, Bildungspolitiker und Schulverwaltungen. Und vielleicht sogar für Arbeitgeber, denn die "methodos"-Absolventen dürften zu den kreativsten, teamfähigsten und selbstorganisiertesten jungen Menschen ihrer Altersgruppe zählen. 
 


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