06.09.2011 (Kommentare: 0)

Kritik der asynchronen Beteiligungsplattformen

Mit hohem Aufwand wird von Landes- und Bundesministerien ein Beteiligungsportal nach dem anderen ins Web gesetzt. Doch statt damit eine neue Blüte der Bürgerbeteiligung zu befördern, kranken die Portale an geringer Resonanz. Was hält Bürger davon ab, sich aktiv einzubringen? Liegt es an den Bürgern oder haben die Portale selbst strukturelle Limitierungen?

 
Der von der Bundesregierung im Herbst 2010 gestartete "Bürgerdialog Nachhaltigkeit" hatte in seiner ersten Phase gerade einmal 963 angemeldete Teilnehmer (Quelle: enorm 1/2011). Nach heutigem Stand sind 1.115 Teilnehmer dabei. „Dabei” sein ist hier relativ zu verstehen, denn die 1.115 Teilnehmer haben bisher nur 343 Beiträge erstellt, was etwa 0,3 Beiträgen pro Teilnehmer entspricht. 
 
„Politik 1.0 statt Web 2.0”?
 
Auf SPON werden aktuell weitere Beispiele aufgelistet. Sei es der "Bürgerdialog Zukunftstechnologien", der "Dialog Internet" oder die "Online-Konsultation Eine-Welt-Strategie des Landes NRW": Die mit hohem Aufwand initiierten Beteiligungsplattformen kommen über dreistellige Teilnehmerzahlen kaum hinaus. „In den Etats stehen Millionensummen bereit, um mit den digitalen Bürgern ins Gespräch zu kommen. Aber die Beteiligung ist schlecht. Und wer sich die Angebote genauer ansieht, weiß auch, warum: Echter Dialog wird meist nur vorgetäuscht. Das Ergebnis ist eine Pseudobeteiligung: Politik 1.0 statt Web 2.0.” urteilt SpiegelOnline.
 
Alle genannten Plattformen sind sogenannte asynchrone Beteiligungsangebote. Sie erlauben den Nutzerinnen und Nutzern, ihre Gedanken in Textform zeit- und ortsunabhängig  einzubringen. Als Interaktion zwischen den Teilnehmern können diese gegenseitig ihre Beiträge bewerten und kommentieren. Aber woran liegt es nun, dass diese Form offensichtlich so wenige anspricht und diese wenigen nicht wirklich zu intensiverer Aktivität bewegt?  
 
Sechs Thesen zum Misserfolg der asynchronen Plattformen:
 
1
Reden (zumindest im kleinen Kreis) kann jede/r. Das gilt nur eingeschränkt fürs Schreiben. Die Hürde ist bei den vorgegebenen Themen höher. Viele sind unsicher und darin ungeübt ihre Gedanken zu Papier zu bringen. Man mag im Wissen um seine mangelhafte Rechtschreibung noch an Hobbyforen teilnehmen, von einer profunden schriftlichen Debatte wird sich jedoch manche/r abgeschreckt fühlen. 
 
2
Der Zeitaufwand ist höher. Es dauert deutlich länger, Gedanken in einem schlüssigen Text zu fassen, als sie auszusprechen. Auch die Wahrnehmung und Verarbeitung der bereits vorliegenden Texte nimmt mehr Zeit in Anspruch als beim mündlichen Vortrag. 
 
3
Es fehlt die gegenseitige Korrektur und Inspiration des Geprächs. Durch die Beiträge des Gegenübers entstehen spontan neue Gedanken, die wiederum ihn anregen. Ein Gespräch erreicht uns über mehrere Sinne, die Text-Kommunikation nur über einen. 
 
4
Die einzelnen Weltsichten bleiben unverbunden nebeneinander stehen. Im Dialog geht es darum, durch Erkundung der verschiedenen Sichtweisen und Haltungen zum einem umfassenderen Verständnis des Themas, zu einem größeren Bild zu kommen.   Diese Erkundung ist bei asynchronen Plattformen nicht möglich.
 
5
Missverständnisse entstehen schneller. Die fehlende Sinnlichkeit des Mediums beeinträchtigt die Wahrnehmung der vorhandenen Emotionen. Es fehlt die Rückkopplung der nonverbalen Kommunikation. Die Teilnehmer beharren eher auf Positionen, die sie schriftlich fixiert haben. Es kommt zu verbalen Ausfällen, die  sich nicht in dem Maß bei persönlichen Treffen ereignen und die abschreckend auf andere wirken.
 
6
Dass die Verantwortlichen nicht teilnehmen, mindert die Motivation der Bürger. Umgekehrt haben solche Plattformen auch geringere Wirkung auf die Entscheider: Ein persönlicher Bürger-Dialog berührt viel tiefer als das distanzierte Lesen einer abschliessenden Zusammenfassung schriftlicher Beiträge.
 
Zum Dialog nicht geeignet
 
Die Hoffnung, mit den asynchronen Plattformen Partizipation zu ermöglichen, ist verständlich. Aber in der heutigen Form führen sie als Medium der Bürgerbeteiligung eher in eine Sackgasse. Sie schliessen zu viele aus. Sie motivieren zu wenig. Ihr Ertrag steht in keiner guten Relation zum Aufwand (auch wenn sie meist nur fünf- und sechsstellige Etats benötigen). Und obwohl die meisten Initiativen ihn ihm Namen führen – einen Dialog ermöglichen sie nicht. Weswegen sie auch ungeeignet sind, die Kluft zwischen Bürgern und Politik zu verkleinern.
 
Wer lesen will, wie erfolgreich das möglich ist, dem seien die von Frank Frick von der Bertelsmann-Stfitung zusammengetragenen Beispiele einer lebendigen und fruchtbaren Ko-Kreation von Politik, Verwaltung und Bürgern wärmstens empfohlen. Spätestens bei diesen Beispielen wird deutlich: Dialog braucht intensiven persönlichen Kontakt. Asynchrone Beteiligungsformen können ihn sinnvoll ergänzen, aber nicht das alleinige Medium sein.
 
 
Zur Vertiefung des Themas: In diesem PDF finden Sie eine Übersicht über neue Dialogmöglichkeiten im Internet.


Zurück


Einen Kommentar schreiben

(* Pflichtfelder)