07.05.2009 (Kommentare: 0)

Innovationen für das Innovationsmanagement

Nach der Selbsteinschätzung vieler Unternehmen bedarf das Innovationsmanagement hierzulande eines großen Innovationsschubes. Nach außen gibt es kaum eine Website oder Selbstdarstellung in der das Adjektiv „innovativ” fehlt. Doch hinter den Kulissen der Selbstdarstellung scheint eine andere Realität zu herrschen. Das legen zumindest die Auswertungen von 480 ausführlichen Selbstaudits deutscher Unternehmen nahe. 

Entwickelt wurde das Audit durch das von Prof. Horst Wildemann gegründete TCW Transfer Centrum in München. Das Fazit der Ergebnisse ist wenig schmeichelhaft. Horst Wildemann in einem Beitrag für Harvard Businessmanager: „Sie (die Unternehmen) vernachlässigen die Kunden, ignorieren den Wettbewerb und lassen Wissen der eigenen Mitarbeiter ungenutzt.”

Die 480 teilnehmenden Firmen repräsentieren verschiedene Unternehmensgrößen und Branchen. Insgesamt kann ein Unternehmen in dem ein bis zwei Stunden beanspruchenden Online-Audit 500 Punkte erreichen. Im Durchschnitt erreichten die bisher teilnehmenden Unternehmen mit 289 Punkten aber nur etwas mehr als die Hälfte der möglichen Punktzahl. In die Spitzengruppe (400 bis 500 Punkte) schafften es gerade zwei Prozent der Teilnehmer. 

Wo liegen die Defizite? In seinem HBM-Beitrag identifiziert Wildemann fünf Problemfelder:

1. Entwickler vernachlässigen Kunden und Wettbewerber

2. Fähigkeiten der eigenen Mitarbeiter bleiben ungenutzt

3. Defizite in der Innovationskultur

4. Reibungsverluste in der Organisation

5. Lückenhafter Know-How-Schutz

 
Hauptursache: Defizite im Stakeholder-Dialog

Der gemeinsame Nenner von vier der fünf genannten Problemfelder ist ein Dialog-Defizit gegenüber Stakeholdern und damit einhergehend ein Aufmerksamkeit-Defizit. Das betrifft den Dialog mit Kunden und den horizontalen und vertikalen Dialog innerhalb des Unternehmens. Da werden bei vier Fünfteln der ausgewerteten Unternehmen die Kundenwünsche nicht strukturiert erfasst, bei einem Drittel der Teilnehmer spielen die Kundenbedürfnisse quasi keine Rolle. Nur bei der Hälfte der Unternehmen tauschen sich Mitarbeiter über Hierarchieebenen hinweg über besonders bewährte und erfolgreiche Methoden und Vorgehensweisen aus. Nur annähernd jeder Fünfte sieht in seinem Unternehmen ein gutes Betriebs- und Innovationsklima", ein Drittel gibt an, dass die Vorgesetzten Ideen einzelner Mitarbeiter "oft", "sehr häufig" oder "immer" skeptisch begegnen. Viele erleben regelmäßig, dass Vorgesetzte die Vorschläge der Mitarbeiter als die eigenen ausgeben. Ein Viertel der Befragten wusste nicht, wer der richtige Ansprechpartner für neue Ideen ist. Und ein Drittel der teilnehmenden Unternehmen berichtete von häufigen Streitigkeiten mit anderen Abteilungen.

Innovationskultur braucht Dialogkultur

Dialog meint mehr als Debattieren und mehr als das Herunterspulen der gewohnten Denk- und Handlungsweisen, das „Downloading”*. „Downloading” beschreibt eine „Feldstruktur der Aufmerksamkeit”*, für die Sätze wie „Das haben wir alles schon versucht” typisch sind. Die Welt erscheint als Projektion der eigenen bewährten Denkweisen und Routinen. Bei der Debatte richtet sich die Aufmerksamkeit auf die Unterschiede, es ist der Blick von außen, ähnlich wie das Bild über „die Kunden”, das uns die Marktforschung vermittelt. In der Debatte öffnet sich das Denken. Im Dialog öffnen sich auch die Gefühle. Einfühlung löst die Grenzen zwischen dem Beobachter und dem Beobachteten auf. Im direkten Dialog mit Kunden (Beispiel Kundenbeirat) kann „Kundennähe” erfahrbar werden. Im Dialog beginnt die Wahrnehmung vom Ganzen her stattzufinden. Innerhalb von Unternehmen führt ein tiefer Dialog dazu, dass Abteilungsgrenzen an Relevanz verlieren und die Beteiligten ein Gefühl für das gemeinsame Projekt gewinnen. Es versteht sich von selbst, dass das Herunterspulen der gewohnten Denk- und Handlungsweisen Innovationen abträglich ist. Erst mit der Öffnung des Denkens und Fühlens entsteht ein Feld, das neue „höchste Zukunftsmöglichkeiten”* kreieren kann. 

 
Der Originalbeitrag von Horst Wildemann: 

http://www.harvardbusinessmanager.de/heft/artikel/a-612337.html

Das Selbstaudit kann kostenlos online durchgeführt werden:

http://www.tcw.de/app/webroot/tools/innovationsaudit/

* Diese Begriffe entstammen dem Buch „Theorie U” von Otto Scharmer



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